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Nachruf fuer Jörg Drews (1938-2009)
Am 3. März 2009 hat Jörg Drews uns verlassen. Unfassbar. Der Mann mit dem ewig jungen Geist und dem sprudelnden Temperament ist für uns alle überraschend an einem Herzversagen gestorben. Er hat das Seumische "Perfer et obdura"
bis zuletzt gelebt, bis zuletzt an seinem Schreibtisch gesessen. Auch dafür werden wir ihn vermissen.
"[Er hat] mein ganzes Herz auf immer gewonnen; so daß es mir unmöglich war, einer leisen Ahnung, daß wir uns nie wieder sehen würden, nur einen Augenblick Gehör zu geben. [...] Daß sein Verlust für mich unersetzlich ist, ist das Wenigste: die Menschheit hat an ihm eine ihrer größten - leider! unerkannten Zierden verloren!" (Christoph Martin Wieland an Carl August Böttiger über Seumes Tod, 21.6.1810)
Wir Seumianer haben ihm beinahe alles zu verdanken. Nicht, dass andere Forschungen zurückzustehen hätten, nein, aber er bildete mit der Edition im Klassiker-Verlag die Grundlage und mit der wissenschaftlichen Gesellschaft das Herz der Seume-Forschung - beharrlich, genau hinsehend und mit Strahlkraft.
Der Bielefelder Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker Jörg Drews, der lange Jahre in seiner Herzensstadt München für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet hat, ehe er nach Westfalen berufen wurde, kämpfte hart für seine Leidenschaft - die Literatur - und er hat sie bis ans Ende bewahrt.
Seine einmal ernste, einmal lächelnde Begeisterungsfähigkeit war nicht auf den ,Wanderer nach Syrakus‛, Johann Gottfried Seume, beschränkt. Ihm ist unter anderen auch die intensive Auseinandersetzung mit Arno Schmidt zu verdanken, er liess nie ab von James Joyce und auch endlich Goethe. Die deutschsprachige Nachkriegsliteratur mit Walter Kempowski oder Friederike Mayröcker beschäftigte ihn ebenso wie anderssprachige Autoren von Tobias Smollett bis Gustave Flaubert, von den Brontë-Schwestern bis Jorge Semprún. Er scheute keine schwierigen und experimentellen Texte, er suchte sie. Das breite Spektrum, das Jörg Drews mit seinem exzellenten Wissen abdeckte, und die Brillanz seines Denkens und Schreibens machten ihn zum Lehrer und Mentor für viele, die nach ihm kamen und unter ihm groß wurden. Denn er war nicht nur ein außerordentlicher Redner, der ganz unakademisch fesselte, er war auch ein feinsinniger Zuhörer und Zuschauer.
Als Publizist und Kritiker verliess Jörg Drews die akademischen Formen und verkündete Literatur ganz selbstverständlich: beim Hörspielpreis für Kriegsblinde etwa, beim Doderer-Literaturpreis oder der SWR-Bestenliste. Seine Neugierde ging noch andere Wege, zu der Ursprünglichkeit des Dramaturgen Werner Fritsch oder der Waghalsigkeit des Goethe-Suchenden Ettore Ghibellino. Man kann seine Steckenpferde kaum alle nennen.
Die Liberalität seiner oft bohrenden Fragen erschreckte und zog an. Wer standhielt, konnte neben ihm wachsen und bewundernd hoffen, auch einmal diese Größe zu erreichen. Er war ein Pionier, ein Wiederentdecker und vor allem ein Besessener, dem man sich nicht entziehen konnte.
Wenn Jörg Drews von Neuseeland nach Wien eilte, von Berlin nach London, durfte man sich nicht wundern, wenn eine Postkarte des Luftfahrtverrückten in den Briefkasten flatterte: "ich fiel aus einem funktionsfähigen flugzeug, hatte GOttseidank einen fallschirm dabei." Es waren herzvolle 70 Jahre. Wir müssen dankbar sein.
Gabi Pahnke